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Vollständige digitale Souveränität ist für Deutschland kurzfristig nicht realistisch. Unternehmen und Behörden sind bei Technologien, Bauteilen und Diensten international verflochten. Erreichbar ist ein praktischeres Ziel: kritische Abhängigkeiten erkennen, Anbieter wechseln können und auch bei Ausfällen handlungsfähig bleiben.
Was bedeutet digitale Souveränität – und was nicht?
Digitale Souveränität heißt, über den Einsatz und Betrieb digitaler Technologien selbstbestimmt entscheiden zu können. Dazu gehört, Daten und Schlüssel zu kontrollieren, Systeme prüfen zu lassen, Anbieter wechseln zu können und genügend eigenes Wissen für Betrieb und Wartung zu haben. Das bedeutet nicht zwingend, jede Technologie im eigenen Land herzustellen.
Vollständige Autarkie
Autarkie würde bedeuten, auf ausländische Technologien und Leistungen verzichten zu können. Für Deutschland ist dieses Ziel auf absehbare Zeit nicht realistisch: Digitale Produkte beruhen auf internationalen Lieferketten, spezialisierten Bauteilen, Infrastruktur und Fachwissen. Die verfügbaren Zahlen belegen breite Abhängigkeiten, aber keine mathematische oder rechtliche Unmöglichkeit, sie zu beseitigen.
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Strategische Souveränität ist das realistischere politische Ziel: Kritische Abhängigkeiten werden beherrschbar, Alternativen stehen bereit und wichtige Entscheidungen bleiben kontrollierbar. Operative Resilienz ergänzt das Ziel um eine konkrete Frage: Kann eine Behörde oder ein Unternehmen bei einem Ausfall weiterarbeiten? Dazu können Ersatzverfahren, portable Daten und die Fähigkeit gehören, Systeme selbst oder mit einem anderen Anbieter weiterzubetreiben.
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Wie stark ist Deutschland von digitalen Importen abhängig?
Die Bitkom-Erhebungen von 2025 zeigen, wie tief die deutsche Wirtschaft in den internationalen Technologiemarkt eingebunden ist:
- 96 Prozent der deutschen Unternehmen importieren digitale Technologien und Services.
- Nur etwa ein Viertel tritt gegenüber ausländischen Unternehmen selbst als Anbieter digitaler Technologien oder Services auf.
- 49 Prozent sind stark von Halbleiterimporten abhängig.
- 81 Prozent sehen sich von digitalen Technologien und Leistungen aus den USA abhängig.
Diese Werte beschreiben unterschiedliche Aspekte der Abhängigkeit. Sie sagen nicht, dass jedes Unternehmen gleichermaßen betroffen ist oder dass jeder Import kurzfristig ersetzt werden müsste. Sie zeigen aber, warum eine vollständige Abkopplung keine kurzfristig realistische Grundlage für die Digitalpolitik ist. 84 Prozent der Unternehmen waren laut Bitkom 2025 der Ansicht, dass die Bundesregierung digitale Souveränität ganz oben auf die Agenda setzen sollte.
Wo liegen die besonders sichtbaren Abhängigkeiten?
Halbleiter, Quantencomputing und 5G
Bitkom hebt Halbleiter, Quantencomputing und 5G-Komponenten als Technologiefelder mit besonders starken Abhängigkeiten hervor. Bei Halbleitern beziffert die Erhebung den Anteil der Unternehmen, die stark von Importen abhängig sind, auf 49 Prozent. Die Kennzahl bezieht sich auf Unternehmen, nicht auf den Anteil aller Chips oder auf eine bestimmte Lieferregion.
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Cloud, Bürosoftware und KI
Die Abhängigkeit von digitalen Leistungen aus den USA betrifft ein breites Feld; die Bitkom-Zahl von 81 Prozent schlüsselt sie nicht nach Cloud, Bürosoftware oder einzelnen Anbietern auf. Deshalb lässt sich daraus keine belastbare Prozentzahl speziell für Cloud-Dienste oder KI ableiten. Eine Regierungsuntersuchung hebt jedoch die wachsende Bedeutung großer Sprachmodelle hervor und warnt davor, bei KI ähnliche Abhängigkeiten entstehen zu lassen wie zuvor bei Bürosoftware und Datenbanken.
Für die Praxis zählt daher nicht nur, wo ein Anbieter sitzt. Entscheidend ist auch, wer Daten und Verschlüsselungsschlüssel kontrolliert, ob Anwendungen und Daten übertragbar sind und wie der Betrieb bei einem Anbieterwechsel oder einer Unterbrechung fortgesetzt werden kann.
Kann Open Source die digitale Souveränität der Verwaltung herstellen?
Nein, Open-Source-Software allein reicht dafür nicht. Ihr offener Quellcode kann unabhängige Prüfung, eigene Anpassungen und den Wechsel zu einem anderen Dienstleister erleichtern. Offene Standards und portable Daten können zusätzlich verhindern, dass Informationen oder Arbeitsabläufe an ein einzelnes Produkt gebunden sind.
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Open Source beseitigt jedoch keine Abhängigkeit von Hardware-Lieferketten und garantiert weder einen sicheren Betrieb noch verfügbare Fachkräfte. Dafür braucht es dauerhaft finanzierte Wartung, Sicherheitsprüfungen, verlässliche Updates und Menschen, die die Systeme betreiben können. Auch öffentlich verfügbarer Quellcode ist nicht automatisch eine praktisch nutzbare Alternative, wenn diese Voraussetzungen fehlen.
In einer Bundestagsanhörung am 5. Dezember 2024 beschrieben Sachverständige die Verwaltung beim Open-Source-Einsatz als gegenüber der Wirtschaft zurückliegend. Sie warnten vor kritischen Abhängigkeiten und einem möglichen Kontrollverlust, der digitale Souveränität und staatliche Handlungsfähigkeit gefährden könne. Das ist eine Einschätzung aus der Anhörung, keine Aussage, dass jede Behörde gleichermaßen betroffen ist.
Auch das Open Source Monitor 2025 von PwC/Bitkom Research weist auf Nachholbedarf beim systematischen Abhängigkeitsmanagement hin: 24 Prozent der Befragten sagten, sie hätten digitale Abhängigkeiten vollständig analysiert und Maßnahmen eingeleitet. 66 Prozent befürworteten angesichts der geopolitischen Lage stärkere staatliche Investitionen in Open Source.
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Welche Maßnahmen machen Abhängigkeiten beherrschbarer?
Keine einzelne Beschaffung oder Softwareentscheidung schafft digitale Souveränität. Behörden und Unternehmen sollten Lösungen danach bewerten, ob sie Kontrolle, Wechselbarkeit und verlässlichen Betrieb tatsächlich verbessern.
| Hebel | Prüffrage | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Kontrolle und Austauschbarkeit | Wer kontrolliert Daten, Schlüssel, Quellcode und Betriebsentscheidungen? | Vertragliche und technische Möglichkeiten, den Anbieter oder Betreiber zu wechseln. |
| Lieferkettenrisiko | Wie konzentriert sind Komponenten und Vorprodukte geografisch und politisch? | Besonders kritische Bauteile und Dienste identifizieren und Abhängigkeiten nicht nur nach Anbieter, sondern auch nach Lieferkette betrachten. |
| Interoperabilität | Können Daten und Arbeitsabläufe in ein anderes System übertragen werden? | Offene Standards und portable Daten statt unnötiger Bindung an ein einzelnes Produkt. |
| Sicherheit und Betrieb | Wer prüft, wartet und aktualisiert das System? | Unabhängige Sicherheitsprüfungen, Patch-Fähigkeit, Support und ausreichend qualifiziertes Personal. |
| Kosten und Leistungsfähigkeit | Welche Gesamtbetriebskosten und Produktivitätseffekte entstehen? | Neben dem Anschaffungspreis auch laufende Wartung und mögliche Aufwände eines Wechsels berücksichtigen. |
| Skalierung | Ist die Lösung in der nötigen Menge für Bund, Länder, Kommunen oder Unternehmen verfügbar? | Eine Alternative muss nicht nur technisch überzeugen, sondern im jeweiligen Einsatzumfang betrieben werden können. |
Für Behörden sollte eine Abhängigkeitsanalyse deshalb nicht bei einer Liste von Softwareprodukten enden. Sie muss auch Lieferketten, Betriebswissen, Datenexport, Schlüsselverwaltung, Support und Ausweichmöglichkeiten einbeziehen. Für Unternehmen gilt dieselbe Logik: Erst wenn klar ist, welche Dienste für den laufenden Betrieb kritisch sind und wie ein Wechsel praktisch abliefe, lässt sich das Risiko sinnvoll priorisieren.
Welche Alternativen gibt es zu US-Anbietern?
Eine belastbare Antwort ist keine pauschale Liste vermeintlich souveräner Marken. Ob eine europäische oder deutsche Lösung eine Abhängigkeit reduziert, hängt vom konkreten Dienst und dessen gesamter Liefer- und Betriebskette ab. Auch bei einem Anbieter mit Sitz in Europa sollten Käufer prüfen, welche Infrastruktur, Komponenten und Unterauftragnehmer genutzt werden und welche Kontroll- und Wechselmöglichkeiten vertraglich bestehen.
Best Value
Bei der Auswahl sollten daher dieselben Kriterien gelten wie bei jeder souveränitätsorientierten Beschaffung: Datenportabilität, offene Schnittstellen, Kontrolle über Schlüssel und Betrieb, nachvollziehbarer Support, Sicherheitsprüfungen sowie ein realistischer Plan für Migration und Ausfall. Ein Anbieterwechsel ist nur dann eine Alternative, wenn Daten, Anwendungen und Abläufe tatsächlich überführt werden können.
Was folgt daraus für Deutschland?
Die Zahlen aus 2025 stützen die Aussage, dass Deutschlands digitale Abhängigkeiten breit und kurzfristig schwer zu verändern sind. Sie belegen nicht, dass mehr heimische oder europäische Kompetenz wirkungslos wäre. Investitionen in eigene Fähigkeiten, europäische Lieferketten, offene Standards und auswechselbare Systeme können die Handlungsfähigkeit erhöhen, ohne eine vollständige nationale Eigenversorgung zu versprechen.
Der politische Anspruch wurde im Januar 2025 auch von Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst formuliert: „Neue Bundesregierung muss digitale Souveränität zum Top-Thema machen“. Für die Umsetzung ist entscheidend, den Anspruch in überprüfbare Beschaffungs- und Betriebsentscheidungen zu übersetzen: Abhängigkeiten sichtbar machen, kritische Systeme priorisieren und für wichtige Dienste eine tragfähige Alternative oder ein funktionierendes Ausfallverfahren vorhalten.
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